Vortrag am 18.10.2007 in St. Quirin

im Rahmen des Fortbildungsprogramms

"TOP Management Programm"

 der Bayerischen Staatskanzlei"

 von Prof. Dr. Manfred Treml,

Vorsitzender des Verbands Bayerischer Geschichtsvereine

 

 

„Ländlicher Raum – Gedanken eines Landeshistorikers"

 

 

Einführung

 

Der „Ländliche Raum“ steht mehr denn je im Mittelpunkt raumplanerischer Bemühungen, soziologischer Untersuchungen und politischer Zukunftsentwürfe.

 

Bei vielen der vorliegenden Analysen und Programme fallen jedoch die Unschärfe der Begriffsverwendung und die Dominanz ökonomischer Zielsetzungen auf.

 

Trotz der stereotypen Verwendung des Begriffes „Heimat“ und der durch sie angeblich vermittelten „Identität“ wird daher die unverzichtbare Frage nach historisch gewachsenen Bewusstseinsfaktoren (mental maps) und nach den ebenfalls geschichtlich geprägten Kommunikationsprozessen kaum gestellt.

 

Für den Historiker besonders irritierend sind auch die fragwürdigen Geschichtsbilder, die dort auftauchen, und die mangelhafte geschichtliche und kulturelle Einordnung der ländlichen Räume.

 

 

Im „Henzler-Gutachten“ wird „das aus einer mehr als 1000-jährigen Geschichte gewachsene bayerische Selbstverständnis“ zur Grundlage für „Bayerns Attraktivität und Stärke“ erklärt. Leider wird damit aber nur eine allseits beliebte Hohlformel wiederholt, die mit der historischen Wirklichkeit wenig zu tun hat.

 

In einer einschlägigen Publikation des Bayerischen Staatsministeriums für Landwirtschaft und Forsten, das immerhin für die ländliche Entwicklung zuständig ist, feiert die kleindeutsch-preußische Geschichtsschreibung eines Heinrich von Treitzschke fröhliche Urstände, wenn das durch die Säkularisation bewirkte „Ende der Kleinstaaterei“ und eines unübersichtlichen „Titelfleckerlteppichs“ als Fortschritt gepriesen wird.

 

Ob dieser Geist eines bürokratischen Zentralismus, der seit Montgelas durchaus Tradition in Bayern hat, wirklich einem differenzierten, den historischen Traditionen der unterschiedlichen Regionen angemessenem Verwaltungshandeln förderlich ist, lässt sich durchaus bezweifeln.

 

Problematisch ist auch die zunehmende Einengung von Kultur und Geschichte auf ökonomische Verwertbarkeit.

 

 

 

Im Papier der CSU-Landtags-Fraktion „Ländlicher Raum. Heimat mit Zukunft“ fehlt die historische Dimension völlig.

Kultur wird zwar als „traditionsreich“ beschrieben, ihre Bedeutung erschöpft sich jedoch in der Rolle als weicher Standortfaktor und als Anreiz für Tourismus und Naherholung.

 

Da ist keine Rede vom Gewordensein der vielen ländlichen Räume, von ihren Prägungen und vielfältigen geschichtlichen Erfahrungen, dem Selbstverständnis der Menschen und den zahllosen Überresten, Zeugnissen und Quellen einer dichten regionalen und lokalen Überlieferung.

 

So verwundert es auch nicht, dass sich auch die einst so verdienstvollen Institutionen der Dorferneuerung und Kulturlandschaftspflege sich mehr und mehr aus der Geschichte verabschieden, wie ein Vergleich des vom Landwirtschaftsministerium herausgegebenen vorzüglichen Materialheftes 39/2001 „Historische Kulturlandschaft“ mit dem neuesten Heft 86/2007 leicht erkennen lässt.

 

Und selbst die Akademie für den ländlichen Raum mit ihrem rührigen Leiter Holger Magel hat trotz aller interdisziplinärer Bekundungen und weit ausgreifender Konzepte die historische Dimension noch nicht wirklich entdeckt.

 

In die Lücke, so scheint mir, stoßen nun die Bezirke, die sich - kühn genug - als eigenständige Kulturregionen bezeichnen, die nach einer Selbsteinschätzung des vergangenen Jahres „die historisch gewachsene Identität des Landes„ repräsentieren.

 

Und schließlich hat auch der Landesverein für Heimatpflege das Defizit erkannt und sich mit einer umfassenden Schrift der historischen Kulturlandschaftspflege gewidmet, die wenigstens in Teilen geschichtliche Bezüge aufweist.

 

Zum weitgehend unhistorischen Zugriff, der die „longue durée“ völlig aus dem Blick verliert, kommt noch die fragwürdige These von der unaufhaltsamen Urbanisierung der Welt, die unsere ländlichen Räume endgültig zum Auslaufmodell erklärt.

 

So werden sie in der Tat zu „peripheren Räumen“ oder zu Teilen einer Metropolregion, wo sie nur unter ökonomischem oder verkehrsplanerischem Aspekt Bestand haben.

 

Das Ergebnis sind häufig Angstanalysen und Schreckensszenarios, die aber selten den eigenen Maßstab kritisch reflektieren. Mit bloßer Statistik und dem herkömmlichen Planungsinstrumentarium ist der Problematik offensichtlich nicht beizukommen.

 

 

Vielmehr gilt es im vergleichenden Rückblick, die Standards der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ und einer „nachholenden Modernisierung“ auf den Prüfstand zu stellen, um die Eigenständigkeit der ländlichen Räume zu erhalten.

 

Dabei wird zurecht das Problem der Deutungs- und Benennungsmacht kritisch diskutiert, die meist nicht bei den Betroffenen selbst, sondern bei städtisch geprägten Verfechtern von industriellen Clustern, wissenschaftlichen Leuchttürmen und „funktional urban areas“ liegt, aus deren Sicht die Lösungsmodelle einer „neuen Bescheidenheit“ und einer „Differenz der Lebensverhältnisse“, die über Jahrhunderte das Stadt-Land-Verhältnis bestimmten, nicht zukunftsfähig sind.

 

Gravierende Veränderungen im Verhältnis zwischen Stadt und Land konstatiert die seit einem Jahrzehnt blühende geschichtswissenschaftliche Urbanisierungsforschung, die ebenfalls das Fehlen einer historischen Tiefendimension beklagt.

 

Einigkeit besteht über die Tatsache, dass die Urbanisierung des Landes, insbesondere durch Einbeziehung in weltweite Kommunikationsnetze, und die gleichzeitige Entgrenzung der Städte fortschreitet, ein Prozess, der als Suburbanisierung beschrieben wird und dessen Produkte auch als „Zwischenstadt“ bezeichnet werden.

 

Das Schrumpfen der Städte („perforierte Stadt“) auf der einen Seite und die soziale Polarisierung in den Megalopolen anderer Kontinente verweist auf die Suche nach einem dritten Weg für Europa, bei denen nach Ausweis neuerer Forschungen gerade der kulturhistorische Blick auf das Stadt-Land-Verhältnis  zu zukunftsfähigen Lösungen beitragen könnte. 

 

Aus dieser kritischen Kurzanalyse folgere ich nun kühn, dass der ländliche Raum nicht ohne die historische Dimension zu verstehen und auch nicht angemessen entwickelt werden kann und dass die Geschichtswissenschaft, insbesondere deren Teildisziplin Landesgeschichte, dazu einiges beizutragen hat.

 

Ich versuche diese Hypothese in drei Schritten zu verifizieren:

 

Zunächst wende ich mich dem in dem Verhältnis von Raum und Geschichte zu, indem ich den in meiner Zunft gängigen Begriff für Räume mittlerer Größe, die „Region“, untersuche und einen Seitenblick auch auf die „Heimat“ werfe.

 

Dann betrachte ich Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein in ihrer regionalen Ausprägung und die spezifischen Leistungen zweier wichtiger Institutionen dieser Geschichtskultur, der wissenschaftlichen Landesgeschichte und der Historischen Vereine.

 

Und schließlich versuche ich an einigen Bildbeispielen meine theoretischen Aussagen visuell zu belegen und damit anschaulich werden zu lassen.

 

Region und Heimat

 

Mit der Trennung von Natur und Geschichte ist in der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts der Raumbezug verloren gegangen. Obwohl Gustav Droysen in seiner Historik noch Mitte des Jahrhunderts behauptete, „Geschichte vollzieht sich in Raum und Zeit“, geriet der Raumbezug in der Forschungspraxis zur Staffage und zum bloßen Hintergrund für die historischen Darstellungen.

 

Die wichtigen Ansätze einer Kulturraumforschung in Leipzig (Kötzschke 1906) und in Bonn (Aubin 1924) waren durch ihre Verstrickung in die nationalsozialistische Siedlungspolitik und Geopolitik zunächst weitgehend desavouiert.

 

(2006 100-Jahr- Feier "Seminar für Landesgeschichte und 

  Siedlungskunde" mit Gesamtverein in Leipzig)

 

(2005 Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande 

  Geburtstagsfeier mit Kolloquium und zugleich Auflösung)

 

 

Gleiches gilt für das in seiner wissenschaftlichen Substanz wegweisende Buch „Land und Herrschaft“ von Otto Brunner, das erstmals bezogen auf das Land die Frage nach den bewusstseinsbildenden Faktoren bei der Konstituierung von Räumen stellte.

 

1968 hat Karl-Georg Faber die Diskussion erneut belebt mit einer Untersuchung zu den „Geschichtslandschaften“, 1986 untersuchte der Trierer Historikertag „Räume der Geschichte“, bei dem Reinhard Kosseleck einen wegweisenden Beitrag zum Verhältnis von Raum und Geschichte hielt. 2004 schließlich widmete sich der Kieler Historikertag unter dem Vorzeichen der neuen Kulturgeschichte, die sich auch auf die Leipziger Tradition stützte, dem Thema „Kommunikation und Raum“.

 

Die Landesgeschichte, insbesondere die Mediävistik und die Frühneuzeitforschung, die sich mit diesen Fragen schon seit Jahrzehnten befasst hatte, untersuchte Land und Region in ihren unterschiedlichen Funktionen als räumliche Gemeinschaften, als Friedens- und Rechts-, als Kultur-, Sakral-, Herkommens-, Traditions- und vor allem auch Erinnerungsgemeinschaft untersucht, wobei letzterer Funktion inzwischen ein Schwerpunkt des Interesses gilt.

 

Insbesondere die Bedeutung der Kommunikation „als konstitutiver Faktor für die Entstehung historischer Räume“ (Rolf Kießling) ist inzwischen communis oppinio.

 

Ergebnis dieser vielfältigen Forschungsbemühungen, zu denen auch die Geschichtliche Landeskunde, die Historische Geografie und andere Regionalwissenschaften beigetragen haben, ist die gesicherte Erkenntnis, dass Räume immer auch als Kommunikations- und Bewusstseinsräume zu verstehen und erschließen sind.

 

Seit mit der Ausrufung des „spatial turn“ das neue Paradigma „Raum“ nahezu alle Wissenschaften erfasst hat, ist die Literatur dazu exponentiell gewachsen.

 

An fachwissenschaftlicher Literatur und Begriffsdefinitionen zur zentralen Kategorie für Räume mittlerer Größe, der Region, fehlt es also wahrlich nicht. Die Beiträge zur Regionalismusforschung sind ebenso Legion wie die Publikationen einer überbordenden Heimatdiskussion.

 

Trotz aller Unterschiede der wissenschaftlichen Perspek­tiven und der politischen Standpunkte zeichnen sich inzwischen einige zentrale Ergebnisse ab:

 

 

Als erkenntnistheoretisches wie historisch-soziales Konstrukt ist die Region demnach immer funktional definiert und von einem subjektiven Moment, nämlich dem in der Gesellschaft vorhandenen Bewusstsein von der regionalen Vergangenheit abhängig.

 

Daraus ergibt sich eine Pluralität an Regionstypen, die sich alle auf einer mittleren Position im Raumspektrum zwischen der lokalen und  Nationalstaatsebene befinden. Dieser subjektiv wahrgenommene Raum schafft auf der Basis von „mental maps“ ein Regionalbewusstsein, ein Wir-Gefühl, eine regionale Identität, in die sich in der Regel allerdings nur ein Teil der Bewohner einbezogen fühlt.

 

Aus dieser Sicht kann die Metropolregion nur Kunstgebilde ohne innere Konsistenz sein, die vor allem den Interessen der Zentren dient und bestenfalls für Verkehrsplanung und Wirtschaftsförderung relevant ist, aber keine Identität oder gar Heimatbezug schafft.

 

Auch die Heimat lässt sich, nüchtern auf den Punkt ge­bracht, wissenschaftlich kategorisieren und in folgenden Dimensionen beschreiben:

 

1. topografische Dimension

Ein prägender Faktor ist der Raum, der häufig mit einem bestimmten Landschaftsbild und sub­jektiv erlebter Natur in Verbindung steht.

 

2. zeitlich-biografische Dimension

Kulturelle Begründungen heben meist besonders auf Geschichte, Brauchtum und traditionelle Lebenswelten ab und sind durchwegs mit dem Faktor Zeit verbunden.

 

3. psychosoziale Dimension

Ohne soziale Beziehung und Kommunikation ist Heimat nicht denkbar, beginnend mit Soziali­sation und Erziehung, später geprägt durch Freundeskreis, Arbeitsplatz etc.

 

In eine Kurzformel gefasst, ließe sich formulieren:

Heimat ist Raum, Zeit und Kommunikation.

 

Heimat enthält damit nicht nur ein für die Persönlichkeitsentwicklung entscheidendes personales Identitätsangebot, das gerade bei der Ausbildung der Emotionen eine große Rolle spielt, sondern sie bildet auch den wirksamsten Erfahrungshinter­grund, auf den sich regionales Geschichtsbewusstsein aufbauen lässt, das wiederum entscheidende Voraussetzung für kollektive Identität darstellt.

 

Eine empirische Studie der Hanns-Seidel-Sitftung aus dem Jahre 2003 bestätigt viele dieser theoretischen Beschreibungselemente und lässt insgesamt erkennen:

 

 

Heimat hat einen erstaunlich hohen Stellenwert, der Begriff löst positive Gefühle aus, Gefühle der Verbundenheit und Zugehörigkeit, des Wohlbefindens und der Zufriedenheit, der Geborgenheit und der Sicherheit.

 

Die sozialen Kontakte, an der Spitze die in der Familie, dann mit Freunden, Bekannten und Kollegen, nehmen den obersten Rang ein, danach folgen ortsbezogene  Assoziationen, kulturelle Eigenheiten, insbesondere lokales Brauchtum, Mundart, kulinarische Spezialitäten, und schließlich als eigenständiger Faktor Landschaft und Natur.

 

Dass für die beauftragte „Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung“ aus Hamburg unter „Kultur und Brauchtum“, die immerhin 47% der Befragten für wichtig halten, die Geschichte nicht für bedeutsam hält, liegt allerdings nicht am mangelnden Interesse der Menschen, sondern an der Fragestellung.

Bei der Frage nach den Gründen für den Stolz auf Bayern, wo die bayerische Geschichte neben der bayerischen Kultur (68) und den lebendigen Traditionen (77) ausgewiesen ist, rangiert diese mit 67 Nennungen immerhin noch vor dem Sport (63).

 

Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein

 

Das reichhaltigste Übungsfeld für Geschichtserfahrung ist ohne Frage die engere Region, der heimatliche Raum. Besonders sinnfälligen Ausdruck findet die regionale Geschichtskultur in einer umfassenden Historisierung des Alltags und in einer zum Teil vehementen Diskussion über Heimat-, Regional- und Landesgeschichte.

 

Geschichtskultur als „die Gesamtheit der Formen, in denen das Geschichtswissen in einer Gesellschaft präsent ist“ (Wolfgang Hartwig) oder als „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft“ (Jörn Rüsen) setzt die entscheidenden Rahmenbedingungen für alle historischen Erscheinungsformen von Regionalität.

 

Eingeschlossen sind in den Begriff die Erinnerungskultur und eine Vielzahl von Institutionen, gesellschaftlichen Gruppierungen und Tätigkeitsfeldern, darunter nicht zuletzt auch die Geschichtsvereine.

 

 

Diese Form einer„Public History“ oder einer „angewandten Geschichtswissenschaft“ hat nach Rüsen auch das Ziel, “die Sinnpotentiale der historischen Erkenntnis nicht im bornierten Sachverstand der Experten austrocknen zu lassen."

 

 

Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein lassen sich als zwei Seiten einer Medaille begreifen, Geschichtskultur als kollektives, Geschichtsbewusstsein als individuelles Konstrukt, das sich in Internalisierungs- und Sozialisationsprozessen aufbaut.

 

In ihm verknüpfen sich die drei Zeitaspekte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und die drei Kategorien der methodischen Analyse, des deutenden Sachurteils und der normativen Wertung.

 

Damit setzt Geschichtsbewusstsein wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs notwendig voraus.

 

Dieses Geschichtsbewusstsein stiftet nicht nur Identität, es legitimiert auch Ansprüche und Zustände, dient der Rechtfertigung und Begründung politischer Entscheidungen. Nicht zuletzt aber hilft es bei der Orientierung. Der Blick in die Vergangenheit ist auf das Heute ausgerichtet, Geschichte wird so zur Lehrmeisterin.

 

 

Der Aufbau von Geschichtsbewusstsein gilt als zentrale Aufgabe des Geschichtsunterrichts, dessen Kernleistung letztlich trotz unterschiedlicher geschichtsphilosophischer und theoretischer Konzepte in Reflexion und Sinnstiftung besteht.

 

Die drei genannten Funktionen des Geschichtsbewusstseins, die identitätsstiftende, die legitimierende und die orientierende, belegen übrigens zur Genüge den besonderen Bildungswert der Geschichte und reichen auch aus, um den durchgängigen und verpflichtenden Unterricht für dieses Fach am Gymnasium plausibel zu begründen.

 

Die wissenschaftliche Basis für alle Erfolge in der Geschichtskultur ist nach wie vor die universitäre Landes- und Regionalgeschichte, deren Pflege in Bayern bis vor kurzem im bundesdeutschen Vergleich opulent war.

 

Landesgeschichtliche Lehrstühle und Professuren an jeder Landesuniversität, wissenschaftliche Kommissionen und Institute auch in den drei Stammesgebieten, ein Haus der bayerischen Geschichte und zahlreiche Historische Vereine, die in die Forschung miteinbezogen sind und zugleich Vermittlungsarbeit leisten, bestimmten bis vor kurzem das Bild.

 

 

Bayerns Landeshistoriker erbringen immer noch eine auch international anerkannte Forschungsleistung, die sich auf eine Tradition von über hundert Jahren berufen kann. Auf das vergleichende Prinzip gestützt, interdisziplinär angelegt und mit europäischen Perspektiven ausgestattet, von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Zeitgeschichte alle Epochengrenzen überschreitend, präsentieren sie sich als ein moderner und zukunftweisender Teil der Geschichtswissenschaften.

 

Längst hat die Landesgeschichte auch ihr methodisches Profil gewandelt und den Weg genommen von der einstigen etatistischen Territorial- und Staatsgeschichte über die Gesellschafts - und Strukturgeschichte hin zu einer modernen Kulturgeschichte.

 

Der Blick der landesgeschichtlichen Forschung hat auch seine Verengung auf Zentralorte, nationale Geschichte und große Männer längst abgelegt; nicht mehr nur Macht und Metropolen stehen im Zentrum, son­dern ebenso die "kleinen Leute" und die ländlichen Räume, der Alltag und Bewusstseinslage, Le­bensformen und Sozialkontakte, Mobilitäts- und Kommunikationsverhalten der Menschen.

 

  

 

Karl Bosl hat dieses Paradigma einer neuen Landesgeschichte bereits im Jahre 1953 in einem Vortrag mit dem aufschlussreichen Titel "Heimat- und Landesgeschichte als Grundlage der Univer­salgeschichte. Eine kleine Historik" überzeugend formuliert:

 

"Am konkretesten erfassen wir den Geschichtsträger "Mensch" im kleineren Lebenskreis (Familie, Sippe, Stamm, Volk, Heimat), am wirksamsten greifen wir ihn auf der Ebene des Staates. In sol­chem Sinne wird Heimat- und Landesgeschichte sachlich und methodisch Grundlage einer Uni­versalgeschichte, in diesem Sinne wird Historia zur vitae magistra, harte nüchterne Lehre und ge­schichtsbestimmende Macht, weil sie das Wesen der historischen Individualität und Gemeinschaft am Einzelfall aufzeigt und weil sie bewusst macht, wie Geschichte in einfachster Form geschieht. Auf dem Wege von der Heimat- zur Universalgeschichte erblicken wir die verschiedensten Seiten, Stufen und Grade des Menschseins."

 

Für Bayerns regionale Kulturarbeit sind sie damit unverzichtbare Einrichtungen, die nicht nur dem bayerischen Selbstverständnis in seiner regionalen Gliederung entgegenkommen, sondern auch Bildungsstandards sichern und wissenschaftliches Know How transferieren. 

 

 

 

Daneben wirken Historischen Vereine - um ein mir besonders nahe liegendes Beispiel zu bemühen - nach wie vor als besonders wichtige Garanten für ein regionales Geschichtsbewusstsein.

 

Die Kassandrarufe, die ihnen als überholte bürgerliche Relikte eine baldiges Ende prophezeiten, sind längst verhallt, die Zerrbilder von den spießigen Honoratiorenclubs oder den langweiligen Versammlungen der Ewiggestrigen spielen kaum mehr eine Rolle.

 

Wie viele unserer Kultureinrichtungen sind die Geschichtsvereine Kinder der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts,

Produkte einer fruchtbaren Bürgerkultur, derer wir uns keineswegs zu schämen brauchen.

 

Ohne das bildungsbürgerliche Engagement der Historischen Vereine sähe unsere regionale Kulturlandschaft sehr viel dürftiger aus, wäre es um die Geschichtskultur unseres Landes und das Geschichtsbewusstsein seiner Bürger weitaus schlechter bestellt, wären die „mental maps“ der Menschen weniger reichhaltig.

 

Schon der oberflächliche Vergleich mit den neuen Bundesländern bestätigt dies. Als Vorsitzender des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine kann ich davon aus eigener intensiver Erfahrung ein Lied singen.

 

Die Geschichtsvereine sind damit auch längst, meist ohne es selbst zu wissen, ein besonders stabiler und zuverlässiger Teil einer von ehrenamtlich Engagierten getragenen Bürgergesellschaft, die inzwischen immer häufiger als Garant für ein künftiges Europa beschworen wird, das auf Bürgernähe und Partizipation aufbaut.  

 

Vielleicht liegt gerade in der Verbindung von historischer Kompetenz und ehrenamtlichem Engagement, das in Zeiten knapper Kassen für den Erhalt einer lebendigen Regionalkultur unverzichtbar ist, sogar die entscheidende gesellschaftliche und politische Aufgabe der Geschichtsvereine.

 

Wir benötigen  dieses bürgerliche Engagement dringender denn je, weil die Regionalkultur heute in hohem Maße bedroht ist, durch eine verengte ökonomische Betrachtungsweise ebenso wie durch ein übersteigertes Globalisierungsdogma, gegen dessen Verabsolutierung alle Vernunftsargumente und viele geisteswissenschaftlichen Untersuchungen sprechen.

 

Immerhin bestätigt uns das 2004 erschienene Handbuch der Kulturwissenschaften, „dass das Globale lokal spezifisch interpretiert und gelebt wird. Die Globalisierung hat weder den Raum noch den Ort überflüssig gemacht, statt dessen entstehen neue Räume und eine Reaktivierung der Bedeutung des Lokalen.“

 

 

Ich vermute, dass Goethe doch recht gehabt hat, mit diesem Zweizeiler:

 

„Willst du am Ganzen dich erquicken,

musst du das Ganze im Kleinsten erblicken.“ 

 

 

 

 Prof. Dr. Manfred Treml

 

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